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Sie schenkten Beckenried Lieder, Gedichte, Geschichten, Festspiele und ganze Theaterstücke. Bis heute lebt ihr Werk im Herzen der Beckenrieder weiter, wie etwa im «Beggeriederliedli», das jedes Beggenrieder Schulkind kennt und singen kann.

Walter Käslin und Urs Zumbühl: Sie gehörten zu Beckenried. Jeder kannte sie und bis heute erinnert man sich, wie sie mit dem Velo durchs Dorf fuhren, Walter auf dem extra hohen, seiner langen Beine wegen, und Urs auf dem gelben Velo, wie sie Briefträger damals eben fuhren. Doch abgesehen davon, dass beide keinen Fahrausweis hatten und beide Musik machten, gab es wenige Berührungspunkte, schon gar nicht das Alter. Und trotzdem verband sie eine tiefe Freundschaft, die Silvia Ida Käslin als gegenseitig inspirierend bezeichnet und sagt: «Mein Vater war stolz, den 27 Jahre jüngeren Urs als Freund zu haben.» Vielleicht war es das feine Gespür für das Menschliche, Allzumenschliche und Unmenschliche, welches die beiden teilten? Oder die Liebe zu ihrem Dorf, zu Beckenried?

Zwei Beckenrieder

Da war zum einen Urs Zumbühl, der Briefträger mit Jahrgang 1946. Er war sportlich, war Kunstturner im Turnverein, ging in die Berge und machte im Winter Skitouren, wurde sogar zum Tourenleiter bestimmt. Später dann war das Rennvelo mit jährlich 6000 gefahrenen Kilometern seine Passion.

Urs Zumbühl war ein fröhlicher Mensch, der gerne Feste feierte. Er konnte die Leute mit Sprüchen und wilden Geschichten zum Lachen bringen, oder wenn er, als begabte Mime, Stimmen und Menschen imitierte. Bei solchen Gelegenheiten nahm er ab und zu auch die Gitarre hervor und spielte ein Lied. Lange Zeit war sein Vorbild der Schlagersänger Peter Hinnen. Doch in den 1960ern entdeckte er die Berner Troubadours und von da weg gab er die Lieder von Mani Matter zum Besten.

Und dann gab es den Lehrer Walter Käslin, Jahrgang 1919, der sich interessierte fürs Botanisieren, den Garten, die Sterne. Er liebte das Wasser. Mit dem «Seeflotsch», seinem Schiff, ruderte er stehend auf den See hinaus, zur Nas meist, ab und zu auch Richtung Uri. Wanderungen in die Berge und mit der Familie waren selten und wenn, dann waren sie erschöpfend: von fünf Uhr morgens zu Fuss auf den Brisen und wieder zurück mit einem abschliessenden Bad im See.

Walter Käslin war ein Mann von enormer Schaffenskraft. Nebst seinem Beruf als Lehrer bekleidete er zahlreiche Ämter, war Gemeinderat, im Kirchenrat und lange Jahre auch als Kirchmeier tätig und damit zweifellos eine öffentliche Person. Und doch erstaunt, wie sehr Beckenried an seinem privaten Leben Anteil nahm. Es feierte seinen 50-isten Geburtstag, ebenso den 60-igsten, den 65-igsten, seine Pensionierung, den 70-igsten und den 75-igsten. Immer wurde sein Schaffen von den Medien gewürdigt und das Dorf organisierte ihm ein Fest. Genauso wie Walter Käslin es in der autobiografischen Erzählung «Di root Eysepaan» beschreibt, die erschienen ist im gleichnamigen Buch.

Man erfährt darin auch, dass Walter Käslin einen Teil seiner Kindheit in Montreux gelebt hat. Der Vater, einst Masseur in der Kuranstalt auf der Schöneck, hatte nach deren Schliessung Arbeit in Montreux gefunden. Doch der Vater starb und die Familie kehrte nach Beckenried zurück.

Nach dem Seminar in Rickenbach folgten einige Jahre als Lehrer und Organist in Ennetbürgen – auch diesen Jahren ist eine Erzählung im Buch «Dr Orgelischt» gewidmet. Anschliessend unterrichtete er in Stans, bevor er in Beckenried, wo er 33 Jahre lang Lehrer war, ausserdem lange Jahre kantonaler Berufsberater im Nebenamt.

Walter Käslin war ein guter aber strenger Lehrer. Er vertrat konservative Werte. Die Kirche und der Glaube waren ihm wichtig und er hatte einen autoritären Erziehungsstil. Die Hand rutschte ihm ab und zu aus. Was so gar nicht zu seinem schriftstellerischen Schaffen passt. Denn hier gab sich Käslin kritisch. Freier Geist Er prangerte ungerechte soziale und politische Verhältnisse an oder den unachtsamen Umgang mit der Natur und Landschaft.

Spätestens mit seinem ersten Buch «Chäslichruid», erschienen 1973 im Eigenverlag Bachegg, gehörte Walter Käslin zu einer damals über die Kantonsgrenze hinaus bekannten Gruppe von Mundartdichtern mit Josef von Matt, Josef Konrad Scheuber, oder Julian Dillier.

Doch mit dem Liedersänger Urs Zumbühl erreichten seine Texte ein neues Publikum. Sie erlangten eine noch breitere Wirkung. «Walter hatte in Urs die Person, in der er sich verwirklichen konnte», sagt Jakob Christen, der langjährige Lehrerkolleg und Freund.

Gemeinsamer Erfolg

Angefangen hatte alles mit einer Landamannfeier im Jahr 1975. Walter Käslin war, wie so oft, wenn es in Beckenried etwas zu feiern gab, Tafelmajor und setzte sich ab und an ans Klavier. Spät am Abend nahm auch Urs Zumbühl seine Gitarre und sang ein Lied. Walter Käslin, so ist überliefert, habe ihn damals gefragt, ob er bereit wäre seine Lieder zu singen. Und bald schon komponierte Walter Käslin Lied um Lied, legte sie jeweils in den Briefkasten der Zumbühls, läutete einmal kurz die Klingel und war auch schon verschwunden.

Mehr als 70 Lieder kamen so mit der Zeit zusammen. Sie hatten von Beginn weg grossen Erfolg und die Engagements kamen aus der ganzen Schweiz. An solchen Abenden fuhr Malou Zumbühl, die Frau von Urs, jeweils den beigen Peugeot aus der Garage und chauffierte die beiden: zur Tropfstei-Bühne in Ruswil, ins Chäslager nach Stans, auf dem Ballenberg, nach Zürich... Walter las seine Gedichte und Texte und Urs sang die Lieder. Es sind feinsinnige Lieder, Lieder die beobachten, beschreiben, die anklagen, aber auch versöhnlich sind.

Urs Zumbühl blühte auf, sobald er auf der Bühne stand, er genoss das Publikum und bestach mit seiner Gitarre ebenso wie Walter Käslin mit seinen Texten. Den Erfolg teilten sie sich und feierten ihn ausgiebig. Malou erzählt, wie sie ab und zu nach Hause kamen, als andere Leute zur Frühmesse gingen.

Eine erste Langspielplatte «ganz nooch bim heldebrunnä» erschien im Jahr 1979. Sie war nach wenigen Wochen ausverkauft. Eilends wurde auf Weihnachten hin die zweite Auflage gestanzt. Es folgte 1985 «Mag der’s gennä» die erste LP/MC. Immer öfter sang Urs Zumbühl auch eigene Lieder mit eigenen Texten oder Melodien, etwa das Lied Älpermagroone auf der CD «Wiän ä Vogel fleygä» (1995), welches er geschrieben und Walter Käslin komponiert hatte.

Mitten im Dorfleben

Walter Käslin und Urs Zumbühl prägten mit ihrem Schaffen auch das öffentliche Leben von Beckenried über Jahre. Kaum eine Feier, die beide, oder zumindest einer von beiden nicht mitgestaltet hätte. Bleibend in Erinnerung ist die Dorfchlag an der Älperchilbi, die Walter Käslin während vielen Jahren verfasste und zusammen mit Urs Zumbühl vortrug, der dann immer auch zwei Lieder sang. Während 10 Jahren, ab 1981, verfasste Urs Zumbühl die Chlag selber. Er habe immer mit träfen Sprüchen brilliert, sagt Jakob Christen und meint: «Urs und seine Sprüche fehlen.» Gemeinsam und mit Unterstützung von Lehrer Toni Wigger nahmen sie als Wäschwyber in der Beggozunft das Dorfleben auf die Schippe. Urs Zumbühl engagierte sich auch in der alle zwei Jahre vorgetragenen Turnerrevue, einem Theaterstück. Er verfasste auch hier die Texte und stand als Schauspieler auf der Bühne.

Walter Käslin seinerseits schrieb nebst Liedern, Gedichten und Geschichten auch grössere Werke: Das Krippenspiel «Heiligi Zeyt – uheiligi Zeyt» (1973), die Festkantate «Fräid» (1976, Musik: Heinrich Leuthold). Als langjähriger Präsident der IRG Sektion Nidwalden war er auch am Radio mit eigenen Sendebeiträgen zu hören, etwa 1983 mit einem Hörbild über Isabelle Kaiser. Und aus Anlass des 375-Jahr-Jubliläums der Burgerbruderschaft Beckenried schrieb er das Theaterstück «Ghaie oder gstoche» (1984). Für die Aufführungen habe er jeweils die gesamte Lehrerschaft eingespannt und das ganze Dorf auf Trab gebracht, sagt Jakob Christen: «Ich weiss nicht, wie er das alles geschafft und wann er gearbeitet hat. Oft waren die Texte noch nicht fertig und wir waren schon am Proben», erinnert er sich. Walter Käslin forschte ausserdem über das Brauchtum, den Beggenrieder Samiglais, das Alpwesen, die Älplerchilbi und die Älplerbruderschaft. Und es folgten weitere Bücher im Bacheggverlag mit Gedichten und Texten: «Di root Eysepaan» (1984), «Häiterluft – Timmerfeen» (1995).

Ab seiner Pensionierung im Jahr 1984 war Walter Käslin dann als Kolumnist von «Urchig» in der Neuen Nidwaldner Zeitung zu lesen, wo er über Kultur, Traditionen schrieb, aber auch aktuelle politische Themen aufnahm und dabei kein Blatt vor den Mund nahm. Auf die Frage, warum er seine Meinung öffentlich mache, sagte er: «... weil ich nicht teilnahmslos durch den Alltag gehen kann; weil vieles, was geschieht oder unterlassen wird, mir die Ruhe raubt, mich zur Stellungnahme zwingt.» Und er bezeichnete es als urdemokratisches Verlangen, sich zum politischen Geschehen zu äussern, auch wenn er oft unliebsame Reaktionen in Kauf nehmen müsse, «unter denen das Geschnittenwerden und Retourkutschen zu den milderen Formen zählen.»

Doch Walter Käslin war längst zur moralischen Instanz geworden, er wurde gehört, nicht nur in Beckenried, sondern im ganzen Kanton. Es brauche solche Leute, sagt Paul Zimmermann, der langjährige Gemeindeschreiber von Beckenried, der etliche Sträusse gefochten hat, mit ihm und gegen ihn. Und er fügt an: «Diese mutige Stimme fehlt.»

Zu früher Abschied

Das Schaffen von beiden hatte ein zu frühes Ende. Anfang Dezember erleidet Walter Käslin einem Hirnschlag. Er stirbt knapp zwei Wochen später am 23. Dezember 1998. Im darauffolgenden Jahr gibt Urs Zumbühl seine CD «So isch’s im Läbe» mit ausschliesslich eigenen Liedern heraus. Sie handeln von den kleinen Dingen im Leben, vom leicht überforderte Vater von Zwillingen, vom bargeldlosen Zahlungsverkehr. Urs Zumbühl geht darin erstmals auch musikalisch neue Wege.

Dann lehnt er sich zurück, widmet sich der Turnerrevue, hält aber in der Schublade eine Sammlung von unveröffentlichten Liedern von Walter Käslin bereit, die er als CD herausgeben will.

Es sollte nicht dazu kommen. Im Juli 2002 bekommt er die Diagnose Krebs. Kurze fünf Wochen bleiben ihm noch bis zum Tod. Am 28. Juli 2002 stirbt Urs Zumbühl 56-jährig. Der Barde und der Dichter: Zwei wichtigen Stimmen von Beckenried waren verstummt. Beide fehlen.